IPM for Cultural Heritage aus DpS 1/2025

Interessante Fachvorträge und Tagungsposter rund um das Thema IPM in Museen und Sammlungen aus aller Welt. Stephan Biebl berichtet für DpS.
IPM-CH 2024 _ Integrated Pest Management for Cultural Heritage

Rückblick

Im Jahre 2011 traf sich eine Gruppe aus Wissenschaftlern, Entomologen, Restauratoren und IPM-Experten zu einer Internationalen Konferenz mit Thema „Schädlingsbekämpfung im Bereich kulturelles Erbe“, die von der Universität in Piacenza (Italien) veranstaltete wurde. Die Fortsetzung dieser Fachtagung fand in Folge am 2013 in Wien, 2016 in Paris, 2019 in Stockholm und zum fünften Male 2024 in Berlin statt. Über die Jahre bildete sich eine feste Gruppe aus internationalen IPM-Experten, die auch über Forschungsprojekte oder fachlicher Austausch (z.B. PestList-Museumpests.net) in Verbindung stehen.

Museum für Naturkunde Berlin
Museum für Naturkunde Berlin

IPM Workshop im Naturkundemuseum

Am Vortag der eigentlichen Tagung wurde im Museum für Naturkunde ein englischsprachiger Workshop angeboten, der von 26 Teilnehmern aus Singapur, Oman, Brasilien, Norwegen, Portugal, Österreich, Schweiz und Deutschland besucht wurde. Der Workshop wurde von den IPM-Experten Armando Mendez (British Museum, London) Pascal Querner (IPM in Museen, Wien), Matthias Schöller (Biologische Beratung, Berlin) und Stephan Biebl (Ingenieurbüro für Holzschutz, Benediktbeuern) geleitet. Neben einer Übersicht zur Integrierten Schädlingsbekämpfung (IPM) gab es die Themen Identifikation von Schäden durch Insekten, praktische Übung zum Sauerstoffentzug (Anoxia), Biologische Bekämpfung mit Nützlingen und Bekämpfungsmethoden nach dem IPM-Standard DIN EN 16790. Ein Rundgang durch die Depoträume des Naturkundemuseums rundete den Workshop als praktischer Teil ab, wo die Teilnehmer sich zu Problemen und Lösungen bei Schädlingsbefall im Museum austauschen konnten.

Foto der Tagungsteilnehmer beim IPM for Cultural Heritage 2024
Tagungsteilnehmer beim IPM for Cultural Heritage 2024 (Foto: Veranstalter)

Tagung auf der Museumsinsel

Der Veranstaltungsort, die James Simon Galerie auf der Museumsinsel in Berlin, konnte nicht besser sein, um sich an diesem Ort rund um das Thema „Museumsschädlinge im kulturellen Erbe“ auszutauschen. Über 230 Teilnehmer aus 32 Ländern der Erde fanden den Weg zur Tagung nach Berlin, die vom 18.09. bis 20.09.2024 stattfand. Das Programm über 2,5 Tage bestand aus 34 Vorträgen mit dem Focus auf IPM in Theorie – Voraussetzungen für den Erfolg, IPM in der Praxis – Biodiversität in einer Welt im Wandel und Pestizid der letzte Ausweg? Vertreten waren wieder unterschiedliche Erfahrungsberichte aus verschiedenen Ländern, wie Deutschland, Österreich, Schweiz, England, Schottland, Wales, Italien,  Frankreich, USA, Kanada, Zimbabwe, Australien, Taiwan und Japan.

Poster-Session und Sponsoring

Welcome Registration IPM for Cultural Heritage 2024
Welcome Registration IPM for Cultural Heritage 2024

Poster-Session und Sponsoring

In einer Ausstellung mit Postern konnten sich die Tagungsteilnehmer über neueste Erkenntnisse und Erfahrungen aus Wissenschaft und Forschung informieren.

Dazu zählte das Poster von Querner/Landsberger über das „Überleben von Museumsschädlingen nach dem Einsaugen in zwei verschiedenen Staubsauger-Typen“. Während es für Kleidermotten-Falter, Brotkäfer, Teppichkäferlarven und Papierfischchen möglich war, nach dem Einsaugen aus einem handelsüblichen Handstaubsauger zu entkommen, waren im größeren Haushaltsstaubsauger alle Versuchstiere abgestorben. Die „Effekte von Temperatur und Luftfeuchte auf die Überlebensrate des Geisterfischchens (Ctenolepisma calvum) und insektizide Wirkung durch Köder-Gele war das Thema einer japanischen Wissenschaftlergruppe.

Das Nationalmuseum Schottland berichtete über die Erfahrungen mit Schlupfwespen (Trichogramma evanescens) gegen Kleidermotten bei einem befallenen Oldtimer von 1910.

Der Befall von 730.000 Herbariumarten durch den Tabakkäfer (Lasioderma serricorne) und die Behandlung mit Stickstoff (Anoxia) im 200 Jahre alten Herbarium von Genf (Conservatoire et Jardin botaniques de Genève) wurde aus der Schweiz als Thema mitgebracht.

Die Biologische Beratung aus Berlin zeigte ihre Labor-Versuche zur Bekämpfung von Dermestiden-Larven mit verschiedenen Ameisen- und Schaben-Gelen. Obwohl die Käfer (Anthrenocerus australis) in den Petrischalen an den Gelpunkten fraßen, gab es keine signifikanten Hinweise auf eine erfolgreiche Abtötung. Teilweise blieben die getesteten Larven auch nur im Ködergel haften und verstarben mechanisch.

Weitere Poster behandelten die Themen „Bewertung von Insektenbefall über Staubproben und DNA Metabarcoding“, „Mechanische Barrieren gegen krabbelnde Insekten, speziell Papierfischchen“ oder IPM-Erfahrungen in verschiedenen Museen.         

James Simon Galerie Berlin - Tagungsort der IPM for Cultural Heritage
James Simon Galerie Berlin - Tagungsort der IPM for Cultural Heritage

Tag 1: Von Insekten-Ökologie bis Klimawandel

Neben den Grußworten von Prof. Dr. Stefan Simon, als Veranstalter vom Rathgen Forschungslabor Staatliche Museen zu Berlin, wurde auch der zuletzt verstorbenen und langjährigen Mitglieder der „IPM-Family“ (Mel Houston aus Schottland und Bob Child aus Wales) gedacht.

Mit einem Online-Gruß vom IPM-Urgestein, der Entomologe David Pinniger aus England, wurden die Vorträge eröffnet. 

In seinem Keynote-Vortrag über Biologischen Zerfall und Insekten-Ökologie gab der Generaldirektor Prof. Johannes Vogel vom Naturkundemuseum Berlin einen interessanten Überblick zur weltweiten Insektenvielfalt und die Gefahr durch Schadinsekten für naturwissenschaftliche Sammlungen, speziell die Insektensammlungen. Bei digitalen Datensammlungen im Internet, wie GBIF (Global Biodiversity Information Facility), zeigte Vogel auf die vielen Insektenbestimmungen innerhalb der bewohnten Erdregionen Europa oder Nordamerika und die fehlenden Informationen auf noch nicht bekannte Arten innerhalb der artenreichen Regenwaldregionen auf unserem Planeten.    

Das laufende Projekt Klimawandel und der Einfluss auf Museumsschädlinge in Innenräumen (Insekten und Pilze) wurde durch Pascal Querner aus Wien vorgestellt.

Die weiteren Vorträge des ersten Tages handelten u.a. über Nutzung von Risikozonen als Teil der IPM-Strategie, Auswertung von Insektenfallen, Detektion von holzzerstörenden Insekten mit Akustik Emission, Bestimmung von holzzerstörenden Insekten mittels Apps und Meta-Barcoding.    

Foto der Tagungstasche IPM for Cultural Heritage 2024
Tagungstasche IPM for Cultural Heritage 2024

Tag 2: Von Papierfischchen-Genetik bis Brotkäferbefall in Bibliotheken  

Zum laufenden Forschungsprojekt zur genetischen Variabilität von Papier- und Geisterfischchen (GEVAFISH) berichtete Bill Landsberger über den aktuellen Stand der Erkenntnisse. Obwohl die beiden Fischchen-Arten (Papierfischchen (Escherich 1905) und Geisterfischchen (Ritter, 1910)) schon seit langer Zeit wissenschaftlich bekannt sind, ist es immer noch schwer, die genaue geografische Herkunft über Literaturquellen und die neuartigen Methoden, wie MinION (Nanoporen-Sequenzierungstechnologie) nachzuweisen.

Zum Integrierten Schädlingsmanagement eines Brotkäferbefalls in der Perne Bibliothek in Cambridge berichteten die IPM-Expertin Amber Xavier-Rowe und Scott Mandelbrote vom Peterhouse College aus Cambridge. Neben dem Einsatz von Fallen und dem Brotkäferpheromon (Hiresis) zeigten sich Reinigung, Quarantäne und Kältebehandlung von befallenen ledergebundenen Büchern als erfolgreiche Maßnahmen zur Reduzierung des Befalls.        

Der Beitrag „Mice Guys Finish Last (= Mäuse gehen als Letzte durchs Ziel) von Eileen Procter vom Australischen Kriegsdenkmal aus Canberra fand aufgrund einzigartiger Vortragsbilder guten Anklang im Publikum. Neben fluoreszierenden Staub/Gel für das Monitoring wurde auch auf die verschiedenen Vor- und Nachteile der üblichen Nagerfallen, sensorunterstützte Systeme (Smart Device, Goodnature A24) eingegangen. Es war als Schädlingsbekämpfer gut zu sehen, dass der Fortschritt bei der Nagerbekämpfung in „Down Under“ ähnlich verläuft wie hier in Deutschland bzw. Europa.     

Mit Spannung wurde der Vortrag von Matthias Schöller aus Berlin erwartet, der die Frage stellte, welche natürlichen Feinde des Papierfischchens einen Ansatz zur Biologischen Bekämpfung geben. Neben Endoparasiten (wie Gregarinen oder Strepsiptera) sind aus der Literatur nur noch Spinnen als Prädatoren für den Einsatz denkbar. Leider keine Ansätze, die man mit einfachen Mitteln kommerziell verfolgen könnte. Auch die Laborversuche, die in der Schädlingsbekämpfung bekannten Trichogramma-Wespen parasitisch gegen die Eier des Papierfischchens einzusetzen, verliefen nur bedingt positiv.

Neben dem Vortrag über innovative Früherkennung von Pilz- und Hausschwammbefall in historischen Gebäuden endete der zweite Tag mit einem Vortrag zur Implementierung von IPM für die SNSB (Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayern). Die SNSB gehört zu den ältesten und größten Forschungssammlungen der Welt und vereint die naturkundlichen Sammlungen der Fachrichtungen Zoologie, Botanik, Geologie, Paläontologie, Mineralogie, Anthropologie und Paläanatomie.   

Tagungssaal IPM for Cultural Heritage 2024

Tag 3: Von Röntgenfluoreszenz-Screening bis physikalischer Bekämpfung  

Das integrierte Schädlingsmanagement dient bekanntlich als Werkzeug zur Begrenzung von chemischen Bioziden. In vielen kulturellen Einrichtungen, wie Museen oder Bibliotheken wurden in der Vergangenheit viele toxische und gesundheitsschädliche Stoffe eingesetzt, die bis heute noch problematisch für die Nutzer sind.

Kilian Anheuser aus Genf referierte zu den Vorteilen beim Einsatz von tragbaren Röntgenfluoreszenz-Geräten zur Bestimmung von kontaminiertem Kulturgut. Durch das Screening von ethnografischen oder naturkundlichen Objekten können gesundheitliche Risiken durch Langzeit-Biozide erkannt und unnötige Bekämpfungen für die Zukunft vermieden werden.

Der routinemäßige Umgang mit Biozidrückständen wurde auch im Vortrag von Amélie Nusser vom Rathgen Forschungslabor Berlin für die Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz behandelt.

Um den professionellen Einsatz von Kälte in mobilen Containern oder die 25-jährigen Erfahrungen beim Einsatz von Wärme gegen Insekten in historischen Sammlungen ging es bei Amber Xavier-Rowe vom English Heritage aus England am Ende des dritten Tages

24-12-09 Screenshot der Webseite Integrated Pest Management for Cultural Heritage
24-12-09 Screenshot der Webseite Integrated Pest Management for Cultural Heritage

Wie geht es weiter?

Da der übliche Tagungsband mit allen Vorträgen nicht im Vorfeld fertiggestellt werden konnte, wird nach Überprüfung der eingereichten Beiträge durch das wissenschaftliche Komitee mit Erscheinen des Tagungsbandes im Laufe von 2025 zu rechnen sein. Zur Tagung gab es ein übersichtliches DIN A-5-Heft mit allen Abstracts und die traditionelle Tagungstasche (Bild 6).     

Im Rahmen der zusammenfassenden Dankesrede von Bill Landsberger vom Rathgen Forschungslabor Berlin wurde der Vorschlag für den nächsten Tagungsort, Pretoria in Südafrika, von den Tagungsteilnehmern unterschiedlich aufgenommen. Es wurde diskutiert, ob man den großen Sprung auf andere Kontinente, nach den bisherigen Tagungsorten in Europa, wagen kann. Der Vorschlag, ein Gremium als Gruppe für die Entscheidung des nächsten Tagungsortes zu bilden, wurde von der Mehrheit angenommen. Ob es Südafrika oder wie noch vorgeschlagen Brasilien oder Dänemark wird, blieb bisher noch offen. Bei Bekanntgabe des nächsten Tagungsortes wird dann noch nähere Informationen über die Homepage des Verfassers „Museumsschädlinge.de/Aktuelles/Tagungen“ geben.

IPM-CH 2024 | Integrated Pest Management for Cultural Heritage


Text und Fotos (soweit nicht anders erwähnt):
Stephan Biebl, Dipl.-Ing. (FH), Benediktbeuern, www.holzwurmfluesterer.de